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ALICE COOPER
Zillo, Nr. 7/8 - Juli/August 1994

Vincent Damon Furnier hat mittlerweile sein 46. Lebensjahr vollendet. Für sein Alter sieht er erstaunlich frisch aus. Erstaunlich, weil er den weitaus größten Teil dieser viereinhalb Lebensjahrzehnte auf genau die Art und Weise gelebt hat, vor der uns unsere Eltern bereits im Kindergarten gewarnt haben. Sex, Drugs, Rock 'n Roll - in vollen Zügen, exzessiv bis hart an die Grenze der endgültigen und unwiderruflichen Selbstzerstörung. Es gab Zeiten, da schien es mehr als fraglich, ob Vincent den jeweils nächsten Sonnenaufgang überhaupt noch erleben würde.

Das ist freilich längst Vergangenheit. Jetzt hockt der Mann bequem auf einem dieser Bürostühle mit fünf Rollen und wirkt topfit. Statt an Scotch pur nuckelt er an einer Cola - Light, grinst freundlich und philosophiert über die ewige Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, über Faust und eine Welt, in der althergebrachte Werte ihre Bedeutung verloren haben. Vincents Vater war Prediger. Dem Sohn hat er die rhetorische Begabung vererbt. Außerdem ein ausgeprägtes Gespür für Ethik, Sitte, Moral - nicht vom Vater her allerdings das mindestens ebenso starke Interesse an deren Gegenpolen, an Okkultismus, Mystik, Gewalt und Horror.

Das äußerte sich schon recht früh. Als Vincent Damon Furnier seine erste Band gründete, schlüpfte er ganz bewusst in eine Haut, die gezielt mit den Werten und Vorstellungen des sauberen „christlichen Amerika“ brach. Er verwandelte sich in Alice Cooper. Obwohl er selbst die Rollen - hier der Privatmann Vincent Damon Furnier, da die vier, fünf, oder mehr Persönlichkeiten, die die Figur der/des Alice Cooper ausmachen - sehr wohl voneinander trennen kann, ist es im Gespräch mit ihm nie so recht klar, wer da nun eigentlich spricht, der Künstler oder seine Kreation. Zur Zeit hat Vincent/Alice wieder so einiges zu erzählen. Wie immer, wenn er eine neue Platte eingespielt hat und diese anschließend promotet. Neu ist jedoch, daß er nicht allein angereist ist, sondern diesmal mit einem Co-Star ins Land kam. Der ist ebenfalls eine Berühmtheit, wenn auch weniger unter Rockfreunden. Neil Gaiman heißt der Mann, und Comic - Freunde in aller Welt werden spätestens jetzt aufhorchen. Zur lebenden Legende und Kultfigur in Comic-Kreisen wurde Mr. Gaiman spätestens, als er die Sanduran-Comics erdachte und textete. Die waren es auch, die Alice Cooper, selbst ein erklärter Fan von Comics jeglicher Art, auf den Autoren aufmerksam machten und in ihm den Wunsch nach einer Zusammenarbeit weckten.

Neil Gaiman, der Alice schräg gegenüber sitzt, richtet sich aus seiner leicht vorgebeugten Haltung auf und erzählt: „Eines Tages klingelte bei mir das Telefon, ich nahm ab, am anderen Ende der Leitung meldete sich Coopers Management. Ich wusste nicht allzu viel über Alice Cooper, nur daß er Musiker ist und einige Hits hatte. Normalerweise habe ich für Rockstars nicht allzu viel übrig, aber ich wollte ihn mir zumindest mal ansehen. Also flog ich zu ihm nach Phönix, mit dem felsenfesten Vorsatz im Hinterkopf sofort wieder abzureisen, sollte ich dort auf einen dieser unsäglichen Rockstar-Klischeetypen treffen."

Alice Cooper schien dem Klischee nicht entsprochen zu haben, jedenfalls mochten die beiden sich auf Anhieb
und nahmen das Projekt gemeinsam in Angriff. Neil Gaiman schrieb den Rohentwurf für die Story, die dem neuen Alice Cooper-Album „The Last Temptation“ zugrunde liegt.

Neil Gaiman: „...die Geschichte eines alten Dämonen, der eines Tages einen Brief von einem jungen Dämonen erhielt“, fasst er die Handlung zusammen, „in dem dieser ihn um einige Ratschläge und Lebensweisheiten bat. Der alte Dämon kommt dieser Bitte nach. Das faszinierende daran ist, daß sämtliche Lehren und Weisheiten des Dämonen sich locker umkehren lassen. Die dämonische Philosophie entpuppt sich als genaues Spiegelbild christlicher Ethik.“

Die Handlung beginnt mit einer Gruppe von Teenagern, die durch die Straßen ihrer Stadt ziehen. Die Abenddämmerung bricht bereits herein, als sie auf ein altes Theater stoßen, das sie an dieser Stelle nie bemerkt hatten. Der Theaterdirektor tritt heraus und spricht die Freunde an, bittet sie herein zur Eröffnungsvorstellung. Der Mann, natürlich Alice Cooper höchstpersönlich, erscheint ihnen unheimlich. Irgendwas an ihm ist irgendwie... anders. Ausgerechnet der Junge, der von den anderen etwas abschätzig als Hasenfuß angesehen wird, akzeptiert die Einladung, folgt dem Direktor ins Theater. Die Vorstellung kann beginnen. Bald ist der Junge ein Teil der Vorstellung, gezeigt wird ihm sein eigenes, künftiges Leben. Und das erscheint wenig erfreulich...

Alice: „The Last Temptation“, so der Titel des Albums ist... eine konsequente Auseinandersetzung mit der abendländischen Ethik, mit den großen, ewigen Werten.“ erklärt Vincent/Alice. „Irgendwie sind diese Werte in der heutigen Zeit weitgehend in Vergessenheit geraten. Wer nimmt denn solche Sachen wie Ehre, Moral, Anstand, Mitleid und Erbarmen, Familie und bedingungslose Liebe noch ernst in einer Welt, in der nur noch zu zählen scheint, wer das größte Auto, das dickste Bankkonto und das luxuriöseste Haus hat, in der nur noch cool ist, wer möglichst keine Gefühle hat oder sie zumindest nicht zeigt?“

Hoppla, sollte der Mann sich auf seine alten Tage plötzlich in die Fußstapfen seines Predigervaters begeben, sich von Alice Cooper endgültig in Vincente Dämon Furnier verwandeln?

Alice: „Nun, Alice Cooper hatte immer schon mehr als eine Stimme. Alice Cooper sind mindestens sechs verschiedene Persönlichkeiten in einer. Der Moralist ist ebenso eine davon wie der Schocker, der wilde Rockstar oder der Meister des Horror.“

Während Neil Gaiman bei sich daheim an der Story bastelte und regen Fax - und Telefonverkehr mit Mr. Cooper unterhielt, schrieb letzterer im heimatlichen Phönix zusammen mit anderen Songwritern an den passenden Songideen. Irgendwann machte sich dann auch Neil Gaiman wieder auf den Luftweg in die Wüstenhauptstadt Phönix und gesellte sich dem kreativen Treiben zu, immer bemüht, ebenfalls sein Scherflein dazu beizutragen.

Neil Gaiman: „Allerdings“, erinnert er sich, „bestand mein Beitrag während dieser Zeit hauptsächlich darin, still in einer Ecke zu hocken und den Jungs zuzuhören. Ab und zu brächte ich mal einen eigenen Gedanken ein. Wie zum Beispiel: „Hä Jungs, auf ‚moon’ reimt sich übrigens ‚June’.“

Gemeinsam haben die beiden auch den Comic zur Platte entwickelt. Die Idee dazu kam allerdings erst später, und zwar als der amerikanische Marvel-Verlag sich bei Zaubers Management meldete und die Idee anbot, einen speziellen Alice Cooper-Comic auf den Markt zu werfen. Der Gedanke gefiel Alice schon allein deshalb, weil ,,...Marvel ihre Comic -Helden immer so wunderschön idealisiert und gutaussehend zeichnen.“

Neil Gaiman: „Stimmt, die haben aus dir dünnem Hering einen waschechten Muskelprotz gemacht.“ Alice Cooper: „Ja, ich sehe besser aus, als Spider Man! Was man von dir nicht gerade sagen kann.“

Ursprünglich hätten die beiden noch weitergehende Ideen gehabt. So zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einem der führenden Computerspielehersteller die Entwicklung eines interaktiven Computerspiels auf CD­ROM.

Sherrys: „Diesen Plan mußten wir jedoch zunächst einmal hintenan stellen.“

Alice: „Der Programmieraufwand ist einfach zu gewaltig. Hätten wir die Arbeit an dem Spiel fortgeführt,
hätte das unseren gesamten Zeitplan von Grund auf über den Haufen geworfen.“

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Alice: „Die Idee an sich fasziniert mich ungeheuer. Deshalb werden wir sicherlich zu einem späteren Zeitpunkt weiter an dem Spiel arbeiten. Im Moment liegen meine Prioritäten gänzlich anders.“

Die Prioritäten sind nicht mehr und nicht weniger als der übliche Promozirkus, der einer jeden Plattenveröffentlichung zwangsläufig folgt. Das neue Werk muß rund um die Welt promotet werden. Zwischendurch werden zu einigen Songs Videos gedreht. Und dann steht auch schon die Welttournee ins Haus. Die USA, Japan und Europa sind fest gebucht, andere Weltgegenden dürften hinzukommen. Volles Programm also für den multiphrenen Herrn der Schrecken. Ach ja, die Platte zum Comic. Alice Cooper ist auf musikalische Zeitreise gegangen, zurück zu den eigenen Wurzeln. Am Ende steht eine CD, die direkt an frühere Alice Cooper - Zeiten anknüpft, weit mehr nach ,Constrictor’ oder ‚Welcome To My Nightmare’ klingt denn nach ‚Trash’ oder ‚Hey Stoopid’. Die Frische der alten Tage allerdings hat er nicht wiedergegeben können. Betrüblich genug, denn so klingt das Werk passagenweise eher wie ein Alice Cooper-Plagiat denn wie das Original. Für Fans freilich, denen ‚Trash’ und ,Hey Stopid’ zu poppig - kommerziell war, dennoch eine gesunde Vollbedienung. Außerdem dürfte die Zusammenarbeit mit Neil Gaiman ihm ganz neue Käuferschichten eröffnen. Daß da noch einiges an Basisarbeit zu leisten ist, mußte unser aller Alice während der Promoter des öfteren feststellen.

Ereignisse wie im Frankfurter Comic-Laden dürften für ihn ziemlich ungewohnt gewesen sein. Dort war Autogrammstunde angesagt. Einträchtig saßen Alice und Neil Gaiman nebeneinander. Vor ihnen drängelten sich rund zweihundert Fans, die überwiegende Mehrheit eindeutig auf Neil Gaiman fixiert. Darunter ein bärtiger Mittdreißiger, der sichtlich irritiert war. Mit steifen Fingern strich er sich durchs schütter werdende Haupthaar, wandte sich seinem Nachbarn zu und flüsterte dem laut ins Ohr: „Was ist das eigentlich für ein Typ, der da neben Neil Gaiman sitzt?“. „Das ist Alice Cooper“, raunte der zurück. “Ist das nicht irgend so ein Rockstar?“, dämmerte erst da dem Fragesteller allmählich, dar Neil Gaiman nicht der einzige Prominente war, der an diesem schönen Maientage im Frankfurter Comic-Laden Autogramme gab.

 


EIN AUGEN- UND OHRENSCHMAUS
Mc Donalds Kino News, Juli 1994

„The Last Temptation" - die letzte Versuchung, so nennt Alice Cooper sein neuestes Produkt. Es gibt ihn
ja schon eine ganze Weile im Musikgeschäft, und immer wieder hat er sich mit ungewöhnlichen Ideen ins
Gespräch gebracht.

Erinnern wir uns an seinen abstrusen Bühnenauftritt, der mit toten Hühnern und Hühnerblut vonstatten ging. Ins Gespräch gebracht hatte er sich auch vor fünf Jahren, als er damit begann, auf sein aufwendiges Make-Up zu verzichten.

Jetzt gibt es wieder Neuigkeiten vom heißen Hardrock-Giganten, der mindestens schon die dritte Generation begeistert. Mit seinem - man höre und staune - 25sten Album wird er zum Sommerbeginn wieder mit einer neuen Scheibe auf dem Musikermarkt vertreten sein. Aber damit nicht genug: Diesmal werden seine musikalischen Kompositionen von einem Comic begleitet, den Neil Gaiman, bekannt geworden durch seinen millionenfach verkauften Comic „The Sandman", gezeichnet hat. Es ist eine Art Begleit-Comic entstanden, der in Figuren und Farben die Songs widerspiegelt, die auf dem Album zu hören sind. Hier wurden zwei Medien miteinander vereint, die sich hervorragend ergänzen. Hört man die Musik beim Lesen des Comics, ist Gänsehaut vorprogrammiert. Während Alice Cooper musikalisch den für ihn typischen Sound rüberbringt, ist er in dem zeichnerisch hochwertigen Comic der Hauptakteur in Sachen Gruselkabinett. Produziert wird beides in einem Kombipaket, wobei der Tonträger eine Kassette oder eine CD sein wird und der Comic einen Umfang von 36 Seiten in Farbe hat.

Allen, die jetzt stöhnend die Augen verdrehen und das Ganze als Geldmache und laschen PR - Gag abtun, sei mitgeteilt, daß es preistechnisch keinen großen Unterschied geben wird zwischen einer CD mit oder einer CD ohne Comic-Buch.

Erscheinen wird das Kombipaket allerdings in einer limitierten Auflage. Also sollten sich vor allem Alice Cooper - und Neil Gaiman - Fans so schnell sie möglich nach Erscheinen dieser netten Rarität auf die Socken machen und sie erstehen. Fazit: „Die Letzte Versuchung" ist ein Album der Marke „Widerstand zwecklos". A.R.

 


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