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HE'S BACK - THE MAN BEHIND THE MASK
Metal Hammer  5, 1994

Das neue ALICE COOPER-Werk wirft seine bedrohlichen Schatten voraus. THE LAST TEMPTATION
(Veröffentlichung Ende Mai) ist aber kein gewöhnliches Konzeptalbum. Der Clou an der Sache: Cooper wird
zum Comic-Helden. Trickfilmzeit mit Alice, oder was?

Fast drei Jahre sind seit HEY STOOPID vergangen, jetzt taucht Vincent Furniers zweites Gesicht wieder aus der Versenkung auf: Alice Cooper rührt erneut die Werbetrommel. Der Star des ersten Teils von ‚Wayne’s World’ („ We’re not worthy!“) hätte THE LAST TEMPTATION zwar schon vor einem halben Jahr herausbringen können. aber Es kam etwas ganz Entscheidendes dazwischen: die Idee, besagtes Konzeptalbum mit einem (von Michael Zulli gezeichneten, dreiteiligen, 32seitigen) Comic zu garnieren. Teil Eins wird der Erstauflage des Albums beigelegt, die anderen erscheinen dann später separat im Marvel Verlag. Und dieses Projekt dauerte natürlich seine Zeit:

„Es ist gar nicht so einfach, einen Comic UND ein Album zu schreiben“, meint der Routinier des Horror Rocks.“ in solches Unternehmen erfordert viel Planung und Organisation, weil man auf mehreren Ebenen denken muß.“ Da stellt sich natürlich die Frage, wie man in dieser videodominierten Welt auf die Idee kommt, ausgerechnet einen Comic zu kreieren, eine - laut Duden - „Bildgeschichte mit Sprechblasentext“?

„Ich hatte ja schon immer eine gewisse Linie in all meinen Alben, aber seit WELCOME TO MY NIGHTMARE ( 1975 ) habe ich keine Platte gemacht, in der es eine wirklich zusammenhängende ‚Storyline’ gab. Nach fast zwanzig Jahren wurde es also wieder Zeit. Die Geschichte ist zwar so gut, daß man sie viel leichter auf Video hätte umsetzen können, aber das macht heutzutage doch jeder! Und Comics sind - ich weiß auch nicht wieso - wieder unheimlich im Kommen. Es ist sowieso besser, wenn man sich in Ruhe hinsetzen und die Story in Bildform verfolgen kann.“

Was bei einem Konzeptalbum durchaus Sinn macht. Zumal die meisten Ergüsse dieser Art nicht gerade einfach nachzuvollziehen sind, von ‚Tommy’ (The Who) vielleicht abgesehen.

„Richtig. Ich kann mich mit vielen dieser Alben nicht anfreunden, weil mir die Linie fehlt. OPERATION MINDCRIME von Queensryche war klasse, aber ich hab’ die Story nie richtig kapiert. Wer war denn der Gute und wer der Böse?Das Problem hast du mit meinem Album nicht. Da weißt du ganz genau, was abgeht. Ein Kapitel bezieht sich auf das nächste. Dazu dann noch der Comic, und es dürfte nicht schwer sein, dem Ganzen zu folgen.“

Was aber nicht allein der Verdienst der in Arizona lebenden Legende ist: Unterstützt wurde Alice Cooper von dem Engländer Neil Gaiman, der sich in den Staaten langsam, aber sicher mit seinem Comic ‚Sandman’ einen Namen
macht, in seiner Heimat hingegen ein absoluter Star der Szene ist. Eine merkwürdige Konstellation, die man so nicht erwartet hätte...

„Bob Pfeifer, mein A&R-Mann bei Epic/Sony in LA, hat uns zusammengebracht. Er ist ein großer Fan der ,Sandman’ -Reihe. Neil war genau der richtige Typ für diesen Job, er ist flexibel und hat großartige Ideen. Mittlerweile sind wir ziemlich gute Freunde geworden. Und so merkwürdig ist diese Kombination nun auch wieder nicht: Der ‚Sandman’ ist eine Figur, die in den Träumen der Leute existiert, in ihren Köpfen, a lot like Alice Cooper without make-up on.“

Also kann man davon ausgehen, dass die Story lange vor der musikalischen Umsetzung entstanden ist?

 „Genau. Wir haben viele Tage und Nächte an dem Konzept gebastelt. Die Geschichte spielt in einer amerikanischen Kleinstadt im Mittleren Westen, in der ein Typ namens ‚Showman’ ein Art Varieté eröffnet hat, ein Charakter, der viel vorn alten Alice Cooper hat, mit Hut, Make-Up und so, der ‚Böse’ halt. Er versucht, möglichst viele, junge Leute in seine ‚Show’ zu holen, die aber nicht das hält, was sie verspricht; es ist in dem Sinne zwar eine ‚Show’, aber eine, die die Kids auf eine gewisse Art und Weise in ihren Bann ziehen und sie manipulieren will. Der ‚Showman’ zeigt ihnen in sehr theatralischer Form das wirkliche Leben, was in der Welt abgeht, mit allem Elend, Unglück und den Katastrophen. Und eines der Kids ist Steven(,Hauptdarsteller’ aus erwähntem WELCOME TO MY NIGHTMARE-Opus - d. Red.). Steven sitzt also in diesem Theater, schaut sich die ersten Szenen an und realisiert erst relativ spät, dass alle Schauspieler des Stücks in Wirklichkeit tot sind. In einer Szene z.B. singt ein Teenager davon, wie toll es ihm in seiner Gang gefällt, aber er ist eben tot. Steven merkt das zwar, aber er ist von der Art, wie das Ganze dargestellt ist, total fasziniert und steht am Ende vor der Entscheidung, ob er diesem ‚Club der lebenden Leichen’ beitreten will, oder nicht. Er tut es natürlich nicht, aber er hat lange und schwer mit sich zu kämpfen.

 Der Showman versteht überhaupt nicht, wie jemand in diesem Alter so weise sein kann, NICHT in dieser Scheinwelt der Toten ‚leben’ zu wollen. Steven hat einen erbitterten Kampf vor sich, an dessen Ende er das ganze Theater niederbrennt, danach in Ruhe nach Hause geht, sich die Zähne putzt und der Showman auf einmal aus dem Spiegel grinst und ihm erklärt, dass die Menschheit ihn in den letzten 6.000 Jahren versucht hat loszuwerden, sie es aber noch nie geschafft hat. Also eine unendliche Geschichte, wenn man so will. Die aber gleichzeitig unheimlich viel Spaß macht: Der Showman ist Alice Cooper pur, während Steven seine unschuldige Seite darstellt, obwohl er noch fast ein Kind ist. Aber so ist das ja schon immer gewesen: Die Kinder sind einfach cleverer, wegen ihrer Unschuld. Paßt gut ins Konzept. Ich hab’s schon immer gesagt: It’s very cool to Look stupid, but it’s not cool to be stupid!“

 Normalerweise ist dem nichts mehr hinzuzufügen. Wenn da nicht noch so viele Dinge wären, die im Zusammenhang mit THE LAST TEMPTATION interessant wären: Zum ersten natürlich die Musik, die bodenständiger, quasi ‚back to the roots’, ausfällt. Also weg von den Desmond Child-Singalongs der letzten beiden Alben, zurück in die Siebziger, Coopers großer Zeit. Was Chris Cornell von Soundgarden damit zu tun hat? Mehr dazu in den nächsten Heften. Ebenso über die anderen beteiligten Musiker und Produzenten. Und die kommenden Videos, die Tour, das Videospiel, und, und…

Jörg Staude


THE SHOWMAN
Break Out  Juni, 1994

Was soll man über Vincent Furnier, besser bekannt als Alice Cooper, noch groß sagen? Im Bereich des Hardrocks ist der Mann eine Institution und hat im Laufe der Jahre alle Höhen und Tiefen erlebt. Seit einiger Zeit befindet er sich Dank dem Erfolg von insbesondre „Trash“ wieder obenauf. Zeigten die letzten Veröffentlichungen doch eine Hinwendung zu kommerzielleren Klängen, so geht’s mit der aktuellen Scheibe „The Last Temptation“ wieder back to the roots. Und dann ist das Ding auch noch ein Konzept-Album, zu dem ein Comicstrip und ein passendes Computer-Videospiel erscheinen werden.

Genügend Stoff für ein Gespräch also - wenn an diesem Tag der Video-Shot in L.A. zu „Lost In America“ nicht eine mehrstündige Verspätung aller nachfolgenden Termine nach sich gezogen hätte. Wenn man bedenkt, wie viel Zeitaufwand hinter so ein paar Meterchen Bildmaterial steckt, nur damit eine wenige Minuten dauernde Musik visuelle Unterstützung auf MTV und Konsorten findet...

Doch selbst nach einem langen Arbeitstag ist Mr. Cooper Profi genug, um den wartenden Journalisten - neben meiner Wenigkeit noch die Kollegen Staude und Suter - geduldig ihre Fragen zu beantworten: ganz der Mr. Nice Guy eben.

Alice: „Wir haben uns wirklich bemüht, auf diesem Album die unterschiedlichen Alice-Stile unterzubringen. Uns war bald klar, daß auf ‚Love lt To Death’ ('71) ein anderer Sound als auf ‚Welcome To My Nightmare’ ('75) herrscht. Überall unterschiedlich, wie ich auch fünf sechs diverse Gesangsarten habe. Se sind die verschiedenen Charaktere in den einzelnen Songs vertreten.“

Die Erstauflage der Konzeptscheibe wird mit dem ersten Teil des durch Michael Zulli gezeichneten Comicstrips (3teilig, 32 Seiten) erscheinen, die beiden anderen Parts kommen dann später im Marvel-Verlag heraus. Doch das ist noch nicht alles, denn als Krönung der ganzen Angelegenheit soll „T.L.T.“ auch noch als Computer-Videospiel erscheinen.

Alice: „Wir wollen das ganze sehr an die Story anlehnen: mir schwebt vor, daß Steven zum Beispiel die Tür zum Theater passiert und -je nachdem ob du einen Fehler machst oder nicht - dann durch den Fußboden fällt und aus diesen Fallen, in die er geraten kann, muß er sich wieder rausarbeiten. Das wird sicherlich ein interessantes Spiel. Ich will nicht so'ne Sache wie Packman, sondern was echt Cooles.“

Vorausgesetzt natürlich, die Sache mit „T.L.T.“ kommt bei den Fans so richtig an, doch Alice Cooper glaubt, daß die den Wechsel von Desmond Child-Tracks zu rauerer Mucke gut verkraften.

Alice: „In der Musik findet eine Rückbesinnung statt, die meisten der Seattle-Acts versuchen, wie in den 70ern zu klingen. Ich bin davon überzeugt, daß Soundgarden, Nine Inch Nails und noch etliche mehr absolut nach Bands klingen, die vor 20, 25 Jahren aktiv waren. Ich erinnere mich an etliche von früher, die eigentlich niemals se groß rauskamen - aber bei den Festivals: immer der gleiche Sound. Hör' dir mal Iron Butterfly an, diese langgezogenen Jam-Sessions, dann das psychedelische Moment: wie nun aus Seattle.“

Doch woher kommt bei Alice Cooper der musikalische Wechsel?

 Alice: „Ich würde sagen, das war ein natürlicher Vorgang nach ‚Hey Stoopid’ (91). ‚Trash’ (89) ist sicherlich sehr kommerziell geraten, kam gut an, und wir alle sind sehr zufrieden damit. ‚Hey Stoopid’ war da schon anders, hatte auf eine bestimmte Art auch die besseren Songs. Und ich denke, ,T.L.T.’ schneidet im Vergleich aller drei Platten am besten ab. Die Sache geht nun mehr geradeaus; auf ‚Trash’ zum Beispiel hatten wir einen Heavy-Bon Jovi-Sound. Du darfst nicht vergessen, die Scheibe gefiel vielen Leuten, brachte mich zurück in die Charts, und man begann wieder, mir zuzuhören. ‚Hey Stoopid’ habe ich auch gerne, mich stellt die Platte mehr zufrieden, auch wenn sie aus kommerzieller Sicht nicht so erfolgreich wie der Vorgänger war. Hey Mann, Sachen wie ‚Might As Well Be On Mars’, ‚Snakebite’ und noch ein paar mehr sind wirklich absolut gelungen. Manchmal ist’s halt auch hart, einen Song - den du halt magst - nicht auf das Album zu nehmen, weil du weißt, daß er bei den Fans nicht ankommt.“

Bemerkenswert ist für mich die Motivation, mit der Alice Cooper an solch ein groß angelegtes Projekt wie „T.L.T.“ geht. Andere Leute denken in seinem Alter schon mehr an die Rente, als sich solch einem Streß zu unterwerfen.

Alice: „Ich wollte wirklich ein weiteres Konzeptalbum aufnehmen, eine tiefergehende Geschichte als auf den Platten davor. Eine Sache, wo du wegen der Songs zuhören und die Story mögen kannst. Wenn du einen Track das erste Mal hörst, fährst du eventuell total auf ihn ab - nach dem 20sten Mal befasst du dich näher damit.“

Eine große Herausforderung für Mr.Cooper also, nicht nach dem so häufig üblichen Schema F zu verfahren.

Alice: ,,Und dazu kommt noch, daß ich der Meinung bin, der Alice Cooper von heute hat nicht das Recht, für 15jährige Jugendliche zu sprechen. Ich denke das auch von Ozzy oder Steven Tyler, da wir alle wesentlich älter sind. Die Sache ist doch die, daß die Kids ganz andere Probleme als wir haben. Es bedeutet aber nicht, daß ich mich wie ein Dinosaurier fühle; nein, ganz im Gegenteil: Leute meines Alters besitzen wohl noch wesentlich mehr Energie als etliche der jüngeren Akteure. Wir müssen nur ehrlich sein! Ich denke, wir sollten beobachten, alles überblicken und den Kids begreiflich machen: Sieh, ich bin zwar nicht dein Vater und deine Mutter, hab' dir jedoch trotzdem was zu sagen. Früher erzählte ich I’am 18 oder School’s Out, nun höre doch zu, was ich jetzt will. Und ich denke, daß es meine Pflicht ist, nicht eine Vaterfigur darzustellen, aber dennoch eine Person zu sein, die der heutigen Generation mitteilt: Schau, es geht etwas ab, was ich persönlich erschreckend finde. Ich bin der festen Überzeugung, daß in der Welt eine besondere Bösartigkeit ist, die die Hoffnung nimmt. Und das ist keine Fiktion!“

Ein weit umfassendes Gebiet also, das „T.L.T.“ berührt, die erste Konzeptplatte für Alice Cooper nach „Welcome To My Nightmare“ von 75. Doch die Möglichkeiten dazu sind noch lange nicht ausgereizt, Thema: Kinofilm.

Alice: „Oh, ich würde unheimlich gerne einen Film dazu machen. Es wäre wirklich toll, wenn jemand käme, um das zu finanzieren. Die Sache würde auch nicht nach dem üblichen Schema ablaufen. Ich glaube wirklich an „T.L.T.“, und zum jetzigen Zeitpunkt ist alles wirklich eine interessante Angelegenheit für mich.“

Man lernt halt nie aus.

Alice: „Ja, wenn wir uns nicht mehr verändern oder lernen können, dann sollte man sich wirklich zurückziehen und zur Ruhe setzen. Dann ist es besser, sich zurückzulehnen und zu sagen: Okay, ich hatte all die Jahre eine großartige Zeit - aber das war's nun. Jedesmal, wenn ich eine Platte aufnehme, dann lerne ich noch etwas dazu.“

 


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