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The Man Behind The Mask
Metal Hammer 12, 1986

Es gab da mal einen amerikanischen Rocksänger, der sich auf der Bühne von einer Guillotine den Kopf abhacken ließ und der schreiend mit einer dicken Riesenboa um den Hals an das Mikrophon sprang. Die Augen schwarz ummalt, die Lefzen blutunterlaufen, das Gesicht fassadenweiß. Die Eltern warnten ihre Kinder, und trotzdem waren die Konzerte ausverkauft, wenn das Rockmonster durch Deutschland tourte.


Lange ist es her - genau elf Jahre - da löste der Schrecken des Musikgeschäfts, Alice Cooper, seine Band auf. Die Discowelle hatte ihm die Show geklaut. Bei dieser Art von Musik mußte sogar er passen. 1982 unternahm Cooper einen neuen Versuch. Doch die so erfolgversprechende LP wurde ein Flop. Vier Jahre später, und das ist die Gegenwart, der dritte Anlauf: CONSTRICTOR.

Alice ist wieder da, und im nächsten Jahr will er auch Deutschland besuchen. Vor mehr als einem Jahrzehnt war es bei Musikkritikern eine beliebte Aufgabe, die übelsten Beschimpfungen und die besten Umschreibungen für Kot aus den kleinen Köpfen zu kramen, um damit Coopers Kompositionen und Livedarbietungen zu beschreiben. Das Musikgeschäft hatte seinen Frankenstein. Mittlerweile ist auch Cooper salonfähig. Seine Widerwärtigkeit ist sein Kapital. Und wenn ein Mann wie Cooper sein Comeback ankündigt, dann wollen die Kids auch wieder Schlangen und Blutlätzchen. Bleibt also zu hoffen, daß er immer noch der Alte ist.

Elf Jahre später. Ein Münchner Hotel. Ein strahlender Alice öffnet die Hotelzimmertür; schwarze Lippen, schwarze Haare, spindeldürr, fast zerbrechlich, schwarzes Leder - die Zeit ist stehengeblieben. Alice erzählt vom schwärzesten Kapitel seiner musikalischen Laufbahn. Elf Jahre in der Außenseiterposition, nur noch in Amerika und Australien konnte er Achtungserfolge für sich verbuchen. Doch auch auf dem fünften Kontinent und in der neuen Welt reißt sich kein Fan mehr ein Haar aus, um Alice Cooper live zu sehen. Seine Widerlichkeit gehörte eben längst der Vergangenheit an. Oder wie Alice es ausdrückt: ,,Tja, ich war einfach tot." Tot war er schon oft - auf der Bühne. Er hat sich köpfen lassen, aufgehängt, mit übergroßen Schlangen posiert und Blut gespuckt, wie ein TB-Kranker Sekunden vor dem Ableben. Die Fans haben ihn vergöttert. 1974, nachdem der Unmensch zum ersten Mal mit seiner vorgetäuschten Galgen-Exekution Furore gemacht hatte, hing sich ein dreizehnjähriger Junge aus Calgary, Kanada, während einer nachgemachten "hanging party" auf und starb dabei. Alice hat die Nummer danach aus seinem Programm gestrichen. Doch das Geschäft mit seiner Abartigkeit florierte weiter. So veranstaltete Alice in den Siebzigern einen der damals so beliebten "lookalike" -Wettbewerbe. Gewonnen hat ein Vietnam-Veteran am Tage seiner Entlassung aus der Nervenheilanstalt. Alice ist der festen Überzeugung, daß es jetzt wieder an der Zeit ist, das alte Image auszukramen: ,,In Deutschland sehe ich eine Renaissance von Heavy Metal. Lange Zeit gab es keine guten Bands mehr, aber jetzt kommen die Stars aus den Siebzigern zurück, weil sie immer zuverlässig waren. Sie vertrauen auch in Alice Cooper. Die Leute kennen mich seit 1970 . das sind immerhin 16 Jahre, und die neue Show ist eine wahnsinnige Killershow, besser als alles, was ich bisher gemacht habe." Besser heißt bei Cooper brutaler. In den vergangenen Jahren war der alte Alice nicht untätig, hat sich unzählige Horror-Videos angesehen. In seinem Haus laufen ständig 22 TV-Geräte. Da fällt immer was für eine gute Show ab, wie er versichert. Auf die Frage nach Einzelheiten des nahenden Unglücks hüllt er sich allerdings in eisiges Schweigen: ,,Leider kann ich darüber nicht reden. Die Ohren der Konkurrenz sind weit geöffnet." Jahrelang habe man ihn immer wieder kopiert und aus seinen Ideen Kapital geschlagen, damit soll es endlich zu Ende sein. Er will auch zurück, um den nachgewachsenen Kids das Original zu zeigen, den echten und einzigen Alice. Damals waren sie noch zu jung und mußten sich später, wie er sagt, mit den traurigen Nachahmern zufriedengeben. Bands, die eigentlich nur das Brutale und das Blut übernommen haben, aber im Gegensatz zu ihm das Theatralische und die Musik total vernachlässigt haben: ,,Wenn du es schaffst, die Musik und das Theater zu einem Ganzen zu bringen, dann kreierst du etwas Neues." Seine "Nightmare" -Show begann und endete wie ein Broadway-Spektakel, in den Achtzigern soll es eine Monster-Show werden.

In der Anfangszeit, in den frühen Siebzigern, brüstete sich die Alice Cooper-Band damit, jährlich 250.000 Dollar für Alkohol auszugeben. Alice selbst trank regelmäßig 40 Dosen Bier pro Tag. ,,Zum Schluß", so Alice, ,,erbrach ich Blut." Ende 1977 begab er sich in ein Sanatorium, um eine Entziehungskur zu machen. Danach nahm er die LP "From The Inside" auf, die sich mit seinen Erfahrungen im Trinkerheim auseinandersetzte. Nach drei Monaten zog der Meister selbstkritisch Bilanz: ,,Ich trank zwei Flaschen Whisky pro Tag, nur um weiterzumachen. Zweieinhalb Jahre lang bin ich nie nüchtern gewesen." Sein sadomasochistisches Zwielicht auf der Bühne stand allerdings im krassen Gegensatz zu seinem Biedermann-Privatleben. 1976 heiratete er Sheryl Goddard, die habe ihn in den ersten zwei Ehejahren allerdings nie nüchtern erlebt. Doch nach dem Sanatorium-Aufenthalt ging es auch mit dem Privatmann wieder bergauf. An die Stelle ausschweifender After-Show-Parties kamen Golf-Partien mit Bing Crosby und Jack Nicklaus. Auf diesen plötzlichen Sinneswandel angesprochen sagt Alice: ,,Also, ich muß ehrlich sagen, daß ich mir heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann, wie ich es früher geschafft habe, mit dem Alkohol und immer wieder auf der Bühne. Eine Menge Typen haben es ja auch nicht geschafft, Jimi Hendrix oder Jim Morrison. Das lag daran, daß sie versuchten, so zu leben, wie es ihrem Image entsprach. Das geht aber auf die Dauer nicht gut. Wenn ich privat auch noch so verrückt wäre, befände ich mich entweder im Gefängnis oder in einer Heilanstalt. Einmal wollte ich so wie Jimi leben, aber das hat mich süchtig und kaputt gemacht. Da war mir klar, entweder du gibst das auf oder es ergeht dir wie deinen Kollegen."

Die Kraft, die früher aus der Flasche kam, holt er sich anno '86 beim Joggen - eine bis drei Meilen täglich. Stolz erzählt er, daß sein Körper sehr viel straffer geworden ist, auch wenn ein paar Falten dazugekommen sind. Bühne und Privatleben, das sind mittlerweile zwei ganz verschiedene Welten. Privat ist Alice Cooper Vincent Furnier, Sohn eines Mormonen-Predigers und Vater zweier Kinder. Und wenn diese schwarze Gestalt Interviews gibt, dann aus der Sicht des Privatmanns. Er verkleidet sich und gibt ganz offen zu, daß er schizophren ist. Alice Cooper, also der, den die Leute auf der Bühne sehen, redet nie - nicht einmal mit dem Publikum (,,Das würde ihn zu menschlich machen, das will er nicht"). Schlägt man im Lexikon unter Schizophrenie nach, wird da etwas stehen wie "Spaltung der Persönlichkeit"; aus eins mach zwei. Im Fall Alice Cooper bedeutete das, diese Figur, dieser blutspuckende Schlangenliebhaber wäre kein Schauspieler, sondern nur das andere Ich des Vincent Furnier. Der hält das durchaus für möglich: "Es ist ein Charakter in meiner Phantasie. Wahrscheinlich gibt es vieles an Alice, was ich gerne wäre, aber nicht bin. Er macht zum Beispiel Blödsinn über den Tod. Er erhängt sich, er macht einfach Spaß vor den Zuschauern. Ich bin nicht so wild. Auf der Bühne bin ich wie in einem Rauschzustand. Ich will Dir eine wahre Geschichte erzählen: Ich habe einmal ein scharfes Schwert benutzt. Während des Songs 'Go To Hell' wollte ich das Schwert in den Boden rammen, schaute nach vorn und stach voll durch mein Bein. Ich blutete wie ein Schwein, fühlte nichts und ließ es hin und her wackeln. Die Zuschauer waren begeistert, ich im ersten Moment auch. Nach der Show schrie ich vor Schmerz."

Bei soviel Brutalität auf der Bühne stellt sich zwangsläufig die Frage, ob er keine Angst vor allzu eifrigen Fans hat, die alles nachmachen. Beispiele aus der Vergangenheit sollten ihn doch etwas vorsichtiger gemacht haben. ,,Es ist ein Phänomen, aber wir hatten in unseren Konzerten nur ganz selten Gewalttätigkeiten unter unseren Zuschauern. Unsere ganze Gewalt entsteht auf der Bühne, wir übernehmen das für die Kids. Eigentlich sind unsere Konzerte die beste Werbung gegen Gewalt und Terror, denn sobald die Leute nicht mehr auf die Bühne schauen, verpassen sie etwas. Die Gruppen, die Schwierigkeiten mit ihrem Publikum haben, sind die, die den Zuschauer nicht an die Bühne fesseln können, weil sie einen Song nach dem anderen runterschrubben. Spätestens nach dem dritten Lied langweilen sich die Leute." Bis zum heutigen Tag hat sich eigentlich noch niemand bei einer Alice Cooper-Show gelangweilt. Aber wie er selbst sagt, gehört zu einem guten Konzert, wenn es bei Cooper- Auftritten überhaupt erlaubt ist, von einem Konzert zu sprechen, mehr als nur eine Menge Blut, eine formschöne Guillotine und ein erlesenes Kabinett furcht- oder spaßeinflößender Monster. Wird die neue Band seinen hohen Ansprüchen gerecht werden können? Die zweite Säule ist Gitarrist Kane Roberts, von dem Cooper sagt, er habe mehr Muskeln als Stallone. Roberts ist neben Cooper für die neuen Songs verantwortlich. Der Rest der Truppe setzt sich aus jungen und unbekannten Musikern zusammen. ,,Das Lustige ist, daß sie, wenn sie mit mir zusammen sind, wie Fans reagieren. Ich behandle sie aber wie Brüder, ich habe mein Ego noch niemanden spüren lassen." Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, daß jeder in der Band automatisch die Ideen des Meisters am besten findet.

Viel hat sich also nicht geändert. Der Kinderschreck bleibt Kinderschreck und den Eltern bleibt die Angst, oder? ,,Ich hoffe es, ich war noch nie ein Freund von Eltern", sagt Vater Alice, aber er ist natürlich kein ganz normaler Vater. Seine fünfjährige Tochter hat angeblich überhaupt keine Angst. Das habe er ihr beigebracht. In Filmen sind nur Schauspieler zu sehen, so hat er es ihr eingebläut. Mittlerweile soll die Kleine sogar schon über 'Freitag, der 13.' lachen. Nur wenn sie im Fernsehen die Nachrichten mit blutenden Menschen auf einem Flughafen sieht, fragt sie den bösen Papi, ob das auch nur ein Film sei. Und dann kann ihr auch Vincent Furnier nicht mehr helfen.

Atlanta Killinger/C.W. Söd


Alice Cooper - Live in Mexico
Metal Hammer 9 1996

KOMISCH GENUG, DIESE KOMBINATION. UND DANN NOCH IM CLUB VON SAMMY HAGAR. MIT DEN GÄSTEN SLASH UND ROB ZOMBIE. UND AUSGERECHNET VON DIESEM KONZERT GIBT ES EIN LIVE-ALBUM.


Cabo San Lucas liegt an der südlichsten Spitze der mexikanischen Baja-Halbinsel und gehört wohl zu den entlegensten Konzertorten der Welt. Vor ein paar Jahren hatten Van Halen dort in der Nähe einer rapide wachsenden Vergnügungsstadt einen Club mit dem schönen Namen ,Cabo Wabo' gebaut, den Sammy Hagar inzwischen als Alleinbesitzer zu seinem musikalischen Heim fern vom Großstadtrummel gemacht hat. Die Anreise gestaltet sich für eine Band allerdings nicht gerade einfach: Man muß fast 1600 Kilometer auf schlechter Straße durch die öde Wüste bewältigen , um das Equipment aus San Diego heranzukarren. Die Musiker, die diese Strapazen tatsächlich auf sich nehmen, geben sich verständlicherweise zumeist mit dem spärlichen Equipment der örtlichen Clubs zufrieden - was die Aufnahmen von Alice Coopers Live-Album natürlich zu einem logistischen Alptraum machte.  ,,Ursprünglich hatten wir in Las Vegas mit zwei verschiedenen Promotern verhandelt", berichtet Coopers Manager, ,,aber irgendwie konnten wir keinem der beiden zusagen, ohne den anderen zu vergrämen."  ,,Im Grunde kam für uns sowieso nur das Cabo in Frage", erklärt Alice Cooper kategorisch. ,,Dafür mußten wir allerdings wirklich eine logistische Hölle durchqueren. MTV erklärte uns, daß sie auf gar keinen Fall dazu bereit seien, das notwendige Equipment in diese Einöde zu transportieren. Keine Versicherung der Welt wollte das Risiko übernehmen, die Zollabwicklung und das ganze Drumherum gestalteten sich unglaublich schwierig. Obendrein hatten wir eine knappe Woche Zeit, um alles zu organisieren, aber wir haben es geschafft." Alice lud Mi(e)tmusiker und Gäste, sich auf den beschwerlichen Weg nach Cabo zu machen. Ein paar vertraute Gesichter waren natürlich dabei, zum Beispiel Jimmy DeGrasso (Y&T, Ex-Suicidal Tendencies) am Schlagzeug, Paul Taylor (Ex-Winger) an Keyboards und Rhythmusgitarre, Reb Beach (Ex-Winger) an der Leadgitarre und Todd Jensen (Ex-David Lee Roth) am Baß. Der letzte Musiker stammt aus Phoenix, wo Alice ihn in einem Club entdeckt hatte. ,,Er heißt Ryan Roxie und ist der geborene Star", äußert sich der Meister begeistert. ,,Er gehört zu den Leuten, die in Bühnenklamotten einkaufen gehen , sieht unheimlich gut aus, und obendrein kennt er alle Songs, Wenn du ihn spielen hörst, fühlst du dich automatisch in die Siebziger zurückversetzt. Alle Beteiligten haben genau das, was man für diese Art von Musik braucht; auf jeden Fall suchten wir dieses organische Seventies-Feeling." Der Gig selbst gestaltete sich dementsprechend dramatisch. Im ganzen Ort spürte man die Begeisterung: Kellner, Kofferträger, Touristen, sogar die Taxifahrer redeten von nichts anderem. Die angereisten Presseleute hatten Rob Zombie und Slash in der Hotellobby entdeckt, außerdem war Sammy Hagar gesichtet worden; die Frage der Special Guests schien also im Vorfeld geklärt.

Der Club selbst liegt an der Hauptstraße und ist meilenweit durch einen phallisch geformten Kegel mit einem roten Stirnband (als Hommage an Sammy Hagar) auf dem Dach zu erkennen. Innen hängen (noch - Anm. d. Red.) massenweise Fotos von Van Halen und Sammy Hagar, das Dekor ist in Rottönen gehalten, und der Spezialdrink des Hauses trägt den verheißungsvollen Namen 'I Can't Drive 55'. Er besteht aus fünf verschiedenen Likören und fünf Säften; nach einem Glas ist man kaum noch in der Lage, auch nur fünf Schritte zu gehen. Die MTV-Kameras und die gesamte Aufnahmetechnik erforderten noch diverse Last Minute-Improvisationen, danach konnte die Show beginnen. Man hatte mir vorher gesagt, daß der Ablauf sich an den Aufnahmen orientieren würde, so daß ich eigentlich davon ausgegangen war , überall Aufnahmegeräte zu sehen. Als ich nichts in der Art entdecken konnte, klärte Alice mich auf: ,,Wir konnten keinen Lastwagen bekommen, also mußten wir eine Reihe von Digitalmaschinen hinter der Bühne anschließen, um die verschiedenen Kanäle unter einen Hut zu bringen. Wegen MTV müssen wir nach jedem dritten Song fünfundvierzig Sekunden Pause machen, damit die Filmrolle gewechselt werden kann."

Obwohl Alices Band erst seit ein paar Wochen zusammenspielte, klang sie extrem tight. Paul Taylor und Jimmy DeGrasso z.B. hatten schon öfter mit Alice gearbeitet; insgesamt bestand das Repertoire aus beachtlichen 120 Songs, von denen an diesem Abend 17 zum besten gegeben wurden. Vorher informierte man uns vorsorglich darüber, daß sich die dramatischen Einlagen auf ein Minimum beschränken würden und wir es mit einer reinen Rock-Show zu tun bekommen sollten. Trotzdem ließ Alice es sich natürlich nicht nehmen, sein Publikum bei 'Billion Dollar Babies' mit einem Schwert voller Dollarscheinen zu pieksen und weitere kleine Tricks einzubauen. Der Schwerpunkt lag jedoch bei Songs wie 'No More Mr. Nice Guy', 'Clones' (ein selten gespieltes älteres AC-Stück), 'Eighteen', Lost In America', 'Under My Wheels', 'Poison' und 'Be My Friend' sowie eindeutig auf Musik und Können. Alice hatte seinen Gästen die Auswahl der Stücke -freigestellt: Rob Zombie ('Feed My Frankenstein') wirkte ziemlich beeindruckend; er rannte auf seiner Seite der Bühne wie ein Wahnsinniger herum, und sein Gastgeber war offensichtlich begeistert. ,,Ich wollte ihn nachmachen", erzählte Alice später, ,,denn seine Tanzeinlagen sind wirklich klasse! Trotz großer Anstrengung bin ich aber jämmerlich gescheitert." Hausherr Sammy Hagar wurde natürlich mit frenetischem Applaus begrüßt, als er mit seiner roten Gitarre auf die Bühne kam und mit dem Opening-Riff von 'School's Out' begann. Leider ein Fehlstart, denn MTV war noch nicht so weit, also mußte Sammy seinen Einsatz wiederholen. Schließlich bekam er seine Chance und erfreute die Menge mit einem der wahren Rock-Klassiker. Dann kam Slash. ,,Slash wollte 'Only Women Bleed' spielen", verriet Alice im Vorfeld. , ,Anscheinend hat hier jeder einen anderen Lieblingssong. Die Band kannte aber nur die gekürzte Single-Version, und nachdem wir einmal durch waren. meinte Slash: ,Nein, Leute, wir spielen das ganze Stück'. Das ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit mit vielen verschiedenen Parts, aber Slash kannte jede Note. Und wenn die Musiker nicht so unheimlich gut wären, hätten wir diesen Song niemals hinbekommen." Als treuer Alice Cooper-Anhänger fühlte man sich ständig dazu berufen, die Backing-Vocals zu übernehmen. ,,Diese Leute können wirklich singen", beteuerte Alice. Es gab so viele denkwürdige Choreinlagen, daß viele der Fans später auf der Straße und im El Squid Roe-Club noch ganz heiser vom Mitsingen waren. Alice Cooper wurde seinem Ruf als Ausnahmefrontmann wieder einmal mehr als gerecht. ,,Das Set verlangt mir immer soviel ab", erklärte er später, ,,daß ich mich nie danach mit den Fans unterhalte. Zum ersten Mal seit 25 Jahren konnte ich aber hier mit den Leuten reden. Für mich war das eine ganz neue Erfahrung." Die Tatsache, daß die Show immer wieder kurz unterbrochen wurde, um der Elektronik, die ein MTV-Special, ein Live-Album und ein Konzert erfordern, gerecht zu werden, tat der Feierlichkeit des Abends auch wirklich keinen Abbruch.

Dies war der erste Auftritt der Alice Cooper-Tour, und es tat gut, endlich wieder einmal soliden Rock zu erleben, der obendrein beim Publikum so gut ankam. Leider erfreut sich diese Musikrichtung in letzter Zeit in den Staaten bei Radio und Presse geringer Beliebtheit, so daß echter Hardrock auf den Bühnen eine Seltenheit ist. Viele der großen Headliner kochen bei ihren Shows auf Sparflamme oder touren - wie Alice Cooper und die Scorpions - im Tandem. Hier in Mexiko interessierte all das herzlich wenig, der ganze Abend verlief perfekt, und die Show war ein voller Erfolg. ,,Die Fans drehten durch", gab Alice später zu. ,,Für die Fernsehaufnahmen hätte es nicht besser laufen können." Alice erfüllte die Erwartungen seines Publikums und spielte als Zugaben 'Hey Stoopid' und 'I Wanna Be Elected', zu dem diverse ehemalige US-Präsidenten auf die Bühne kamen und sich gegenseitig verprügelten. Ich persönlich setzte auf Richard Nixon, der immer schon gern mit faulen Tricks kämpfte. Dieser Abend war einer unvergeßlichen Zelebration der Rockmusik an einem der schönsten und entlegensten Orte der Welt gewidmet. Das MTV-Special soll im  August ausgestrahlt werden, die Platte im September in die Läden kommen.

Am Tag nach der Show saß Alice Cooper in einer Hotelsuite mit einem atemberaubenden Blick auf den Pazifik und faßte die ganze Woche so zusammen: ,,Alles ist nach Plan gelaufen. Ich habe mir die DAT-Bänder von der Show angehört und bin absolut zufrieden." Es war schwierig, sich die Frage nach seinen Zukunftsplänen zu verkneifen, schließlich ist alles, was Alice Cooper anfaßt, immer perfekt organisiert und geplant. Was wird die Zukunft also bringen? ,,Ich nehme alles so, wie es kommt", erklärte Alice. ,,Ich bin jetzt bei Hollywood Records unter Vertrag, weil ich mit dem Boß befreundet bin. Wenn ich etwas machen will, rufe ich ihn an. Ansonsten gibt es keine Pläne. Ich habe eine Geschichte geschrieben, aus der ein Konzeptalbum werden könnte, ein Stück oder ein Film. Ein paar meiner Freunde haben mir zu einem Film geraten, wir werden sehen." Wie immer scheint ein neues Kapitel in der nie enden wollenden Geschichte von Alice Cooper angebrochen zu sein. Doch nur Alice allein kennt die Zukunft...

JON SUTHERLAND
 

 

 


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