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No More Mr. Bad Guy?
Metal Hammer 6 1994

ALICE COOPER denkt um. Sein neues Album, THE LAST TEMPTATION, ist sein bisher kritischstes geworden. Musikalisch sogar das beste seit vielen Jahren. Der Mann mit den zwei Gesichtern auf dem Weg von Aerosmith? Könnte schon sein...

Metal Hammer: Du hast dich mit THE LAST TEMPTATION auf ein deutlich anderes Niveau begeben, sowohl musikalisch als auch textlich.
Alice Cooper: ”Das ist richtig. Nach außen hin ist es ein gutes Rock'n'Roll-Album geworden, aber je mehr man in das Ding eintaucht, desto deutlicher wird die Aussage. Und die hört sich vielleicht etwas unpopulär, sogar konservativ an, aber das ganze Konzept basiert auf den Dingen, die wir in unserer Gesellschaft vergessen haben; Werte, die nicht mehr das sind, was sie früher einmal waren. Das Leben ist nicht so frei, wie es allgemein angenommen wird. Heutzutage denkt jeder, er könne tun, was er für richtig hält und es im nachhinein irgendwie rechtfertigen. Speziell in den USA wird der Respekt füreinander immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Dabei können sich die Leute gar nicht vorstellen, wie groß diese ,Quelle' ist, aus der wir alle entstanden sind. Die Menschheit im 20. Jahrhundert hat sich an Gottes Stelle gedrängt und denkt, sie sei vollkommen. Was ist daraus geworden? Du kannst in LA z.B. nicht mehr ohne eine Waffe auf die Straße gehen! So schlimm wie jetzt war's noch nie. Das liegt wahrscheinlich daran, daß sich das Idealbild der amerikanischen Familie vor gut zehn Jahren drastisch verändert hat - die Familie im klassischen Sinne existiert nicht mehr, wir sind eine Gesellschaft der Geschiedenen und ihrer Opfer. Deshalb die ganze Wut, Frustration und Gewalt da draußen. Alice Cooper in den 70er und den 80ern hat sich zwar immer über den Tod lustig gemacht, aber das war wirklich Spaß, ich hab' nie gesagt, daß sich die Leute auf der Straße umbringen sollen!”

MH: Kleine Zwischenfrage: Wie war denn deine Kindheit?
AC: ”Völlig okay. Meine Eltern waren 45, meine Großeltern 60 Jahre verheiratet, und ich selbst bin seit 18 Jahren mit meiner Familie glücklich.”

MH: Was man von einem Charakter wie Alice Cooper nicht unbedingt erwartet hätte...
AC: ”Natürlich nicht. Ich stamme aus einer sehr religiösen Familie. Außerdem existiert Alice Cooper ja eigentlich nur auf der Bühne, er repräsentiert mein Leben überhaupt nicht, sondern reflektiert das Leben auf der Straße. Wenn ich Alice spiele, kommt er mir wie ein Fremder vor.”

MH: Du hast früher nicht nur über den Tod geschrieben, sondern - speziell auf dem TRASH-Album - über Sex. Das dürfte sich auch erledigt haben...
AC: ”Absolut. Sex ohne Respekt funktioniert nicht mehr. Wir - ich schließe mich da keineswegs aus! - haben Sex so mißbraucht, ohne an die Konsequenzen zu denken. In den 70ern gab es kein AIDS, alles war möglich. Jetzt haben wir AIDS. Warum? Es ist das Ergebnis unserer Lebensweise. It's fighting back. Ich hör' mich jetzt wie ein Pfarrer an, aber wir müssen diesen Werteverfall stoppen und die Situation wieder unter Kontrolle bekommen. Und als Künstler/Musiker habe ich die Pflicht, mir darüber meine Gedanken zu machen und diese irgendwie auszudrücken. Es hat sich in dieser Welt soviel verändert, das kann und darf man nicht ignorieren!”

MH: Was allerdings zur Zeit sehr populär ist und von vielen Bands ausgeschlachtet wird. Die Zahl der Bonos dieser Welt hat sich ja mehr als verzehnfacht. Ist sowas gerade bei Alice Cooper überhaupt glaubwürdig?
AC: ”Das einzige, was man mir verwerfen kann, ist, daß ich immer das gesagt und geschrieben habe, was ich denke. Natürlich unter der Voraussetzung, es entsprechend zu verpacken; wenn ich ein Album schreibe, dann wird es IMMER rocken und humorvoll rüberkommen, aber man wird ebenfalls IMMER eine Botschaft darin finden. Und wenn die Kritiker oder Fans das als ,trendy' empfinden, bitte schön! Wenigstens haben sie sich Gedanken gemacht, und das ist doch das, was ich eigentlich damit bezweckt habe. Außerdem: I'll never do a boring album.”

MH: Aber meinst du, die Kids auf der Straße werden wirklich verstehen, was du mit THE LAST TEMPTATION ausdrücken willst?
AC: ”Weiß ich nicht genau. Wenn nicht, müssen sie sich mehr damit beschäftigen. Die Grundaussage ist doch ziemlich einfach: Es ist nicht okay, wie die Menschen in dieser Zeit miteinander umgehen; es ist nicht okay, in eine Bank zu gehen, sie auszurauben und dabei unschuldige Leute umzubringen; es ist nicht okay, im täglichen Leben alles mit Gewalt zu regeln. Das kann ich nicht akzeptieren!”

MH: Deshalb zur Illustrierung also der Comic...
AC: ”Ja. Der Autor, Neil Gaiman, war von Anfang involviert, er hat teilweise dabeigesessen, als wir die Songs schrieben, um mehr Einblick zu bekommen. Ich wollte ihm nicht die fertige Platte auf den Schreibtisch knallen und ihn daraus einen Comic machen lassen. Es war das erste Mal, daß ein Außenstehender Augenzeuge beim Entstehen eines Alice Cooper-Albums war; was zu Beginn irgendwie komisch war, hinterher aber tierisch Spaß gemacht hat.”

MH: Wobei die Idee eines solchen, 'Beipacks' ein brillanter Marketing-Gag ist...
AC: ”Natürlich. Es ist aber nicht nur was für Sammler, sondern auch für jeden Fan. Die visuelle Seite ist immer schon sehr wichtig für mich gewesen, und was spricht gegen einen Comic? Gerade jetzt, wo es kaum noch Vinyl-Scheiben gibt, sondern fast nur noch CD's mit diesen Mini-Covern, die mit Kunst, wie es früher einmal war, nichts mehr zu tun haben. Es ist schade, daß auch ich nur noch begrenzt Vinyl auf den Markt bringen kann; aber die Fans werden ihre Kopie schon bekommen...”

MH: Es gab ja schon mal ein Comic von und mit Alice Cooper...
AC: ”Ja, in den 70ern, ebenfalls mit Marvel Comics, für FROM THE INSIDE. Das Gute an Marvel sind ihre Zeichner: Sie bringen dich immer so rüber, als seiest du ein zweiter Schwarzenegger. Ich wußte wirklich nicht, daß ich so viele Muskeln habe! Ich sah richtig gut aus.”

MH: Laß uns mal zur Musik kommen. Was hat sich verändert?
AC: ”Eigentlich viel. Auf den letzten beiden Alben gab es wohl keinen bekannten Musiker der Hardrock-Szene, der NICHT dabei war. Diesmal ist nur Chris Cornell von Soundgarden auf zwei Songs vertreten: auf der Ballade 'Stolen Prayer' und 'Unholy War'. Die beiden Stücke stammen auch aus seiner Feder, sie paßten perfekt ins Konzept, nur die Texte habe ich ein wenig geändert; aber Chris hatte nichts dagegen. Überhaupt: what a man, what a voice!”

MH: Was hält Alice generell vom Seattle-Sound?
AC: ”Ich mag Soundgarden. Und Pearl Jam und Alice In Chains. Diese Bands haben einen originellen Sound und werden auch überleben. Nirvana waren auch gut, aber Kurt ist mit dem Erfolg nich fertig geworden, was sehr, sehr schade ist. Alle anderen Bands kopieren nur und schaufeln sich ihr eigenes Grab. Aber das passiert jedesmal, wenn eine bestimmte Richtung populär ist.”

MH: Weshalb du diesmal auf die vorherigen Desmond Child-Formeln verzichtet hast?
AC: ”Das war damals die richtige Zeit für diese Art von Musik, keine Frage, aber auch mein Geschmack hat sich mittlerweite geändert. (Die meisten Songs sind mit ,namenlosen' Musikern und Freunden von mir aus Arizona entstanden, weil sie einfach gute Ideen hatten. Ausnahmen sind 'Temptation' und 'It's Me', die Tommy Shaw und Jack Blades von den Damn Yankees für mich geschrieben haben; allerdings unter der Bedingung, daß sie sich NICHT so anhören sollten wie ihre Band. Was ihnen auch gelungen ist; ich liebe die beiden Stücke!”

MH: Viele Leute, die THE LAST TEMPTATION gehört haben, vergleichen es mit dem legendären LOVE IT TO DEATH-Album aus dem Jahr 1971. ,Back to the roots' also, aber zu den eigenen...
AC: ”Das war auch so beabsichtigt. Ich bin sowieso der Meinung, daß ich mehrere verschiedene Sounds habe: einen balladesken, einen kommerziellen, einen eher dunklen und einen rockigen. Alles das ist auf dem Album vertreten, und deshalb musste ich auch zwangsläufig mehrere Produzenten haben: Andy Walace hat alles abgemischt und Stücke wie 'Sideshow', 'Stolen Prayer', 'Unholy War' und 'Cleansed By Fire' produziert, während Don Fleming für 'Lost In America', 'Nothing's Free' und 'Bad Place Alone' zuständig war. Duane Baron und John Purdell  haben den Rest, 'Temptation', 'It's Me' und 'Lullabye', produziert.”

MH: Bis auf den Schlagzeuger Eric Singer, jetzt ja bei Kiss, hast du die Band der letzten beiden Platten am Start?
AC: “Richtig. Ich hab' mir nur den Drummer von den Hooters ausgeliehen. Mußt aber selber raussuchen, wie der heißt, ich kann seinen Namen leider nicht aussprechen (die Rede ist von David Uosikkinen - d. Red.).”

MH: Im Nachhinein gesehen war TRASH so etwas wie dein Comeback-Album...
AC: ”Es brachte Alice wieder zurück ins Radio, was in den späten 70ern nicht der Fall war. Auf diesem Ding sind auch wieder drei oder vier Songs, die es schaffen könnten.”

MH: Wobei aber Konzeptalben nicht unbedingt Fundgruben für Singles sind...
AC: “Kann man so nicht sagen, auf WELCOME TO MY NIGHTMARE war einer meiner größten Hits, 'Only Women Bleed'. Es kommt darauf an, wie du an ein solches Konzept herangehst.”

MH: Seit MTV sind Hit-Singles sehr wichtig. Was passiert, wenn 'Lost In America', das erste Video nicht einschlägt?
AC: “Den Erfolg von 'Poison' zu wiederholen, dürfte schwierig sein, aber Alice Cooper hat sich über die Jahre eine treue Fangemeinde erspielt, ich kann immer wenigstens eine Millionen Alben weltweit verkaufen. Außerdem sind die alten Hasen aus den 70ern im Moment ziemlich angesagt: Schau' dir Aerosmith an...”

Und die touren ja immernoch. Was für Alice zur Zeit leider (noch) kein Thema ist. Eine Tour steht ebenso in den Sternen wie die Umsetzung von THE LAST TEMPTATION in ein Videospiel.

JÖRG STAUDE

 


Als Alice laufen lernte...
Metal Hammer 7 1994

...gingen die wilden 60er zuende. Viele von uns waren damals gerade erst oder noch nicht geboren. 25 Jahre später hat ALICE COOPER mit THE LAST TEMPTATION schon wieder einen Klassiker hingelegt. Grund genug, die Zeitmaschine anzuschmeißen.

Wie das bei älteren Rock'n'Roll-Semestern gang und gäbe ist, genaue Geburtsdaten sind fast nie herauszubekommen; einigen wir uns also darauf, daß Vincent Damon Furnier Ende der 40er Jahre in Detroit (Michigan) geboren wurde und in Phoenix (Arizona) aufwuchs. Das gesamte Umfeld des späteren Horror-Spezialisten ließ eine solche ,Karriere' eigentlich überhaupt nicht erwarten:

AC: ”Mein Vater und Großvater waren beide Pfarrer, meine ganze Jugend hatte mit Religion zu tun. Ich hatte gar keine Chance, mich dagegen zu wehren, l was surrounded! Ganz klar, daß man sich später dagegen sträubt und alles andere als christlich lebt. Aber der Kreis hat sich inzwischen geschlossen. ich gehe wieder in die Kirche, gerade weil ich die ganze Welt gesehen habe und weiß, wie die Menschen leben. Eine ziemlich interessante Karriere, wenn du mich fragst..."”

MH: Die mit der Erfindung von Alice Cooper begann. Was brachte Vincent Furnier dazu, sich einen neuen Namen zuzulegen?
AC: ”Als ich 1966 mit meiner Band nach LA zog, gab es dort - ähnlich wie heute - 25.000 andere Bands, die alle versuchten, etwas zu reißen. Wir hatten von Beginn an immer das Pech, zwar als letzte oder vorletzte Combo in den Clubs aufzutreten, aber das meistens um fünf Uhr morgens, als niemand mehr da war. Also mußte was geschehen, ein neues Outfit und ein Name her, der dazu paßt. Wir diskutierten stundenlang, erfanden alles mögliche, aber am Ende blieb ,Alice Cooper' im Raum stehen. That seemed to be the all American name. Obwohl es ja eigentlich ein weiblicher Name ist... Uns war das aber ziemlich egal, wir wollten nur eins: daß uns die Leute zuhörten. Auch wenn wir es nicht schaffen würden, wenigstens an den Namen sollten sie sich erinnern! Und daß sie das tun. beweist die Tatsache, daß ich hier sitze und immer noch Interviews gebe... Damals hätte das keiner von uns für möglich gehalten. Der Grund für diese lange Karriere ist eigentlich ziemlich banal: Mir war die Musik immer wichtiger als die Show! Das nimmt mir jetzt wahrscheinlich niemand ab, aber 85 Prozent der Zeit gehen für die Musik drauf und nur 15 für die Show. Wenn die Musik nämlich einmal steht, fängt der Spaß erst an - die Show darumzubauen ist einfach! Außerdem macht man es den Kritikern zu leicht, wenn man eine Mörder-Show auffährt und doch nicht spielen kann.”

MH: Trotzdem nannte man euch damals ,die schlechteste Band von LA...
AC: ”Weil uns die Leute nicht verstanden haben: Wer nahm schon 1970 eine Band ernst, die mit Make-Up, blond -gefärbten Haaren bis zum Hintern, Stöckelschuhen und chromfarbenen Schlaghosen mehr Lärm machte als The Who? Uns war das scheißegal, wir hatten mächtig Spaß, wenn wir die Clubs leerspielten. Trotz der ganzen Drogen damals war es für die Leute schwer zu verkraften, anstelle eines netten Folk-Sängers mit dem Namen Alice Cooper diese ,Clockwork -Orange-Hell-Band' auf der Bühne zu sehen. Das war schon ein perfektes Image, so im nachhinein betrachtet.”

MH: Auf das Frank Zappa total angesprungen ist, er bot euch einen Vertrag mit seinem Straight Records Labet an...
AC: ”Das war unser erster Durchbruch, den wir eigentlich gar nicht erwartet hatten. Wir hingen zwar ständig mit den Doors rum, die zu dem Zeitpunkt als die größte Band der Welt gefeiert wurden, waren aber trotzdem nichts. Zappa sah uns eines Abends in Venice, in unserem Stammclub, wo wir schon für Pink Floyd eröffnet hatten. Die Hütte war voll, jede bekannte LA-Band war am Start, und wir spielten wie immer am Schluß, morgens um vier. Innerhalb von ein paar Minuten waren nur noch drei Leute in der zuvor vollen Halle: Shep Gordon (Coopers Manager - d. Red), Christine von den GTO's, die auch Zappas Babysitterin war, und Frank Zappa selbst. Als der sah, wie die Leute rausrannten, sagte er nur einen Satz zu Shep: ,,I want them!”

MH: Dann folgte der Wechsel zu Warner Bros. und der erste Hit...
AC: ”Ja, Zappa merkte, daß er mit uns keine Alben verkaufen konnte. Ich glaube, er hat uns nie abgenommen, daß wir uns hauptsächlich für die Musik interessierten und NICHT für die Show. Er hat uns immer nur für einen Haufen Irrer gehalten, und von denen gab es damals viele. LOVE IT TO DEATH erschien 1971 und hatte mit 'Eighteen' einen absoluten Smash-Hit am Start.”

MH: Bob Ezrin (vorher Pink Floyd, später u.a. Kiss) produzierte das Album. Der richtige Mann zur richtigen Zeit?
AC: ”Definitiv. Bob war so etwas für uns wie George Martin für die Beatles. Shep hat ihn angeschleppt, als wir in Kanada tourten. Wir zogen uns acht Monate zurück, um erst mal zu lernen, wie man in einem professionellen Studio arbeitet und herauskam dieses ,Comeback'-Album, mit dem wir selbst am wenigsten gerechnet hatten. Alle Scheiben danach bekamen mindestens Gold in den USA, fast automatisch...”

MH: ...und Alice Cooper wurde sogar in Europa ein Begriff. Wie kam der Kontakt zu Salvador Dali, einem der bedeutendsten Maler des zwanzigsten Jahrhunderts, zustande?
AC: ”Das ist eine interessante Geschichte. Wir hatten SCHOOL'S OUT und BILLION DOLLAR BABIES veröffentlicht , verkauften eine Hölle an Platten, und die Touren liefen fantastisch. Dali kam zu einer der Shows, weil er gehört hatte, daß wir surrealistische Elemente verwendeten. Ihm hat es gefallen, weil unsere Show damals genauso wenig Sinn machte wie seine Bilder. Er hat mir hinterher ein Plastikgehirn geschenkt, durch das sich eine Schokoladenspur zog, auf der er tote Ameisen befestigt hatte. Dazu meinte er: .Das hier ist Alice Coopers Gehirn!' Außerdem wollte er mit mir das erste bewegliche, dreidimensionale Hologramm entwerfen. Sollte es jemals auf dieser
Erde Außerirdische gegeben haben, Salvador Dali war einer von ihnen! Die Freundschaft zu ihm war einer der Höhepunkte in meinem Leben.”

MH: Dein erster Gig in London war ein ganz besonderer...
AC: ”...weil dieser LKW, mit Riesen-Postern von mir beklebt, auf denen ich nur mit meiner Schlange bekleidet war, mitten zur Rush-Hour am Picadilly Circus liegenblieb und wir abends die Wembley Arena voll hatten? Gute Geschichte, einer unserer besseren PR-Gags. Das liebe ich ja so an den Briten: Sie stehen unheimlich auf diesen ganzen Hollywood -Mist. Das Foto dieser Aktion brachte es sogar auf die Seite eins der London Times, ein untrügliches Zeichen dafür, daß du es dort geschafft hast. Die Briten haben eine Art Humor, die nur schwer zu schlagen ist: Als ich das zweite Mal rüberflog, hatte ich diesen drei Meter hohen Zyklonen meiner Bühnenshow mit an Bord, und der folgte mir auch durch die Passkontrolle. Da stand ein vielleicht 60jähriger Zollbeamter und verzog nicht EINEN Gesichtsmuskel, während die Fotografen hinter der Absperrung schon lauerten. Er wollte nur unsere Pässe sehen, das war alles: Thank you, have a nice day.' Wir haben so gelacht, unglaublich!”

MH: Trotzdem hatte der schnelle Erfolg seine Schattenseiten...
AC: ”Die Jungs in der Band drehten ganz gut ab, kauften sich die unmöglichsten Sachen von der ganzen Kohle und fühlten sich plötzlich als Stars. Ich hab' meinen Eltern ein Haus in Phoenix gekauft, in dem ich heute noch wohne und unter dem Namen Alice Cooper alleine weitergemacht, weil die Jungs plötzlich als Musiker ernstgenommen werden wollten. WELCOME TO MY NIGHTMARE haben Shep und ich völlig allein finanziert, 600.000 Dollar hat der Spaß gekostet. Aber es hat sich gelohnt.”

MH: Obwohl du zu der Zeit ohne Alkohol nicht mehr arbeiten konntest...
AC: ”Die WELCOME-Tour war meine längste bisher, zwei Jahre lang ging es durch die ganze Welt, aber ich wurde mit dem riesigen Erfolg nicht fertig. Der Druck war zu groß, ich trank immer mehr. Niemand hat damals so richtig realisiert, daß ich ständig unter Strom stand. Auf der Bühne sowieso nicht, die Show war immer okay, aber die restlichen 22 Stunden ging es mir ziemlich beschissen.”

MH: Ist es nicht interessant, daß viele der 70er-Helden wie Aerosmith, Ozzy und eben auch Alice Cooper zwanzig Jahre später ihren zweiten, wenn nicht sogar dritten Frühling erleben?
AC: ”Wir sind alle so etwas wie Überlebende dieser Epoche. Mein TRASH-Album und PERMANENT VACATION von Aerosmith haben zusammen fast zehn Millionen Alben verkauft. Ich glaube, daß wir mittlerweile zu denselben Institutionen geworden sind wie The Who oder die Stones. Die Fans wissen, was wir durchgemacht haben und honorieren das entsprechend.”

JÖRG STAUDE
 

 

 


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